(K)ein ganz normaler Alltag in der Vermittlung von Arbeit und Ausbildung

Die Kontaktstelle Integrationsbüro Steglitz berät seit 2019 mit dem neuen Schwerpunkt Arbeit und Ausbildung. Dabei steht das Erstellen der Bewerbungsunterlagen für KlientInnen im Mittelpunkt. Im Leben der vielen Flüchtlinge, die zu mir in die Beratung kommen, gibt es allerdings immer komplexe Herausforderungen. So gehört zur Arbeitsaufnahme immer die Arbeitserlaubnis in Abhängigkeit vom Aufenthaltsstatus, ebenso wie Deutschkenntnisse, der Bildungshintergrund oder auch Familienverhältnisse. Auch die Wohnungssuche ist ein Topthema. Wie all diese Dinge zusammenspielen, möchte ich mit einem kleinen Ausschnitt aus meiner Arbeit mit euch teilen.

I. ist ausgebildeter Kinderkrankenpfleger. Als ich ihn zum ersten Mal in der Gemeinschaftsunterkunft, wo er untergebracht ist, traf, sprach er noch kaum Deutsch. Er war noch nicht lange in Deutschland. Da er aus einer ehemals französischen Kolonie kam, sprach er aber zumindest Französisch. Nun ist mein Schulfranzösisch zwar etwas eingerostet, aber ich verstehe noch viel. So verlief unser Gespräch also auf Deutsch und Französisch. Ich sprach Deutsch, er Französisch und wir waren in der Lage einen Lebenslauf für ihn zu erstellen.

Relativ schnell fanden wir ein tolles Angebot eines Klinikums, welches ein Praktikum inklusive Deutschkurs anbot. Nach sechs Monaten gezieltem Spracherwerb und Kennenlernen des Klinikums und der Arbeit dort, würde er direkt als Krankenpfleger übernommen werden. Ein tolles Programm, welches die Qualifikationen der MigrantInnen schätzt und ausschöpft. So gewinnt jeder.

Der Vertrag zwischen I. und dem Klinikum war geschlossen und es fehlte nur noch die Zustimmung der Ausländerbehörde (heute heißt diese Behörde Landesamt für Einwanderung). Eigentlich eine Kleinigkeit, denn solange im Ausweisersatz der Flüchtlinge nicht ausdrücklich ein Arbeitsverbot vermerkt ist, gibt es im Prinzip nie Widersprüche. Wir waren also alle bereits darauf eingestimmt, dass I. im nächsten Monat sein Praktikum beginnen kann. Eine sehr nette Frau aus der Personalabteilung des Klinikums begleitete ihn persönlich, um die Arbeitserlaubnis einzuholen. Optimale Voraussetzungen – eigentlich.
Vor Ort wandte sich die Sachbearbeiterin, die ihnen zugewiesen wurde, dem Arbeitgeber zu und vermerkte: „Sie wissen aber schon, dass I. jederzeit abgeschoben werden kann!“ Ein unnötiger und zugleich nicht sachgemäßer Kommentar, wie wir später herausfanden. Der Arbeitgeber, verunsichert durch diesen Kommentar, trat allerdings direkt von seinem Vertragsangebot zurück und I. war verständlicherweise bestürzt, wie wir alle, die ihm bis hierher geholfen haben.

Nach Terminen bei Asylberatungsstellen stellte sich heraus, dass I. im sogenannten Dublin-Verfahren steckte. Das heißt, er war vor Deutschland zuerst in Frankreich (also einem anderen europäischen Land) und es wurde deshalb geprüft, ob sein Asylgesuch in Frankreich und nicht in Deutschland bearbeitet werden muss. Bei positivem Bescheid müsste er nach Frankreich zurückkehren. Dort, erzählte er mir, wurde er am Flughafen von der Polizei wie ein Krimineller gefesselt und er wollte auf gar keinen Fall nach Frankreich zurück. Davon abgesehen fanden wir heraus, dass seine Anwältin bereits Widerspruch gegen die Überstellung eingelegt hatte, weil die Frist für die Überstellung abgelaufen war. Solange hier also noch nicht final entschieden wurde, bestünde absolut keine akute Gefahr der Abschiebung. Der Kommentar der Mitarbeiterin in der Ausländerbehörde war damit nicht nur unangebracht sondern kann aufgrund der Unsachgemäßheit nur als reine Schikane interpretiert werden.

Mit der neuen Sicherheit traten wir wieder an den Arbeitgeber heran, um I. doch noch in das Programm aufzunehmen. Leider gab es das Praktikumsangebot in dem Klinikum, dass ihn haben wollte mittlerweile nicht mehr. Das war das letzte Jahr indem das Programm finanziert werden sollte. Wieder eine Enttäuschung. Wir fingen von vorne an Bewerbungen an Krankenhäuser zu schreiben. I.s geringe Deutschkenntnisse erwiesen sich aber als zu große Hürde. Ein zäher Prozess und I. war sichtlich depressiv gestimmt.

Dann endlich eine gute Nachricht seiner Anwältin! I.s Asylantrag kann in Deutschland gestellt werden, es wird keine Überstellung an Frankreich geben. Ein kurzes Aufatmen…wirklich nur kurz. Jetzt ging es um die Antragsstellung des Asyls – ein Vorgang auf den sich Flüchtlinge sehr gut vorbereiten müssen. Zum Glück gibt es Hilfestellung von der Asylberatungsstelle der Arbeiterwohlfahrt (AWO) und anderen. Am Tag selbst wurde I. von einer Französischlehrerin, die freiwillig tätig ist, begleitet – zum Glück! Der Übersetzer des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) übersetze nicht nur lücken- sondern auch fehlerhaft! Ein absoluter Skandal, wenn man bedenkt, dass es in diesen Interviews oft um Leben und Tod geht.

Diese vielen Anstrengungen waren psychisch belastend für I., aber auch für uns alle. I. verlor zunehmend die Hoffnung. Er wollte schnell Arbeit finden, um seinen Sohn zurück in der Heimat zu unterstützen. Das Schulgeld fehlte.

Heute blicke ich noch immer verständnislos auf die Situation zurück, auch wenn I. vor drei Monaten endlich seine Arbeitsstelle in dem Klinikum antreten konnte, ein Zimmer bei einer netten Familie bewohnt und auch rechtlich besser vertreten ist. Eine Erfolgsgeschichte?

Die Hürden die Neuankömmlinge in Deutschland überwinden müssen, sind immer noch zu hoch, um wirklich von gelungener Integrationspolitik zu sprechen. Das Klima in den Behörden ist – wie man anhand dieser Geschichte sehen kann – arbeitnehmer- sowie arbeitgeberunfreundlich. Auch an aktuellen Debatten um Rassismus Untersuchungen bei der deutschen Polizei merkt man, wie sehr hier die Bereitschaft zu Veränderungen fehlt. Da hilft es auch nicht die Ausländerbehörde in Landesamt für Einwanderung umzubenennen.

Es fehlt viel zu oft an Empathie und Verständnis dafür, wie schwer es ist die deutsche Sprache zu lernen und sich in unserem Bürokratiedschungel zurecht zu finden. MigrantInnen werden am selben Maßstab gemessen wie Deutsche, ohne individuelle Hintergründe zu berücksichtigen. Es müsste in Deutschland für jeden Pflicht werden mindestens eine weitere Sprache dazu zu lernen, damit man eine Vorstellung davon bekommt, dass das nicht über Nacht passieren kann. Wir müssen diese Probleme gemeinsam angehen, mehr Raum für Begegnungen und Austausch schaffen und die vielen Potentiale nutzen.

Christiane Butler
Kontaktstelle Integrationsbüro Steglitz

Ein erster Eindruck – GU Leonorenstraße

Seit dem 1. April wird die Gemeinschaftsunterkunft in der Leonorenstraße in Lankwitz vom Stadtteilzentrum Steglitz e.V. betrieben. Drei Häuserblöcke mit insgesamt 449 Plätzen und ein Verwaltungsgebäude gibt es auf dem weitläufigen Gelände. Ein kleiner Spielplatz, eine Tischtennisplatte, ein Basketballkorb und schöne Tischgruppen aus Holz, wo die Bewohner draußen sitzen können, laden ein zum Spielen oder Austausch.

Das erste Event, ein Tag der offenen Tür, gab es schon am 4. April. Hier waren alle eingeladen, die sich für das Projekt interessieren – Politiker, Nachbarn, Institutionen und Einrichtungen aus dem Bezirk. Bis Ende Mai erwarteten wir eine Vielzahl von Bewohnern. Auch jetzt kommen noch viele neue Bewohner an. Dann kann der genaue Bedarf an Unterstützungsmaßnahmen ermittelt werden.

Eines ist jetzt schon klar: Benötigt werden mehr Sprachmittler als uns bisher zur Verfügung stehen. Die Begleitung zu Ärzten, Behörden und sonstigen Terminen wird weiterhin eine wichtige Unterstützungsmaßnahme für unsere Bewohner*innen sein. Dennoch muss man sagen, dass schon viele Gänge alleine bewältigt werden.

Einige Projekte und Aktivitäten sind angedacht und sollen innerhalb der Einrichtung stattfinden. Hierzu gehört eine Fahrradwerkstatt, die nicht nur für die Bewohner*innen gedacht ist. Auch die Nachbarschaft soll hier ihre Räder unter Anleitung reparieren können. Die Räume und das Werkzeug werden zur Verfügung gestellt und Bewohner*innen werden geschult, um zu unterstützen.

Das zweite Projekt wird eine Garten- und Gemüse-AG sein. Hier sollen Hochbeete in Zusammenarbeit mir den Bewohner*innen entstehen und Gemüse selbst angepflanzt und für den Eigenbedarf geerntet werden.

Hausaufgabenbetreuung wird ebenfalls stattfinden.

Damit eine Integration gut gelingen kann, bedarf es Gelegenheiten Deutsch zu sprechen und Kontakte zu Nachbarn zu knüpfen. Dazu brauchen wir Menschen, die geflüchtete Familien oder Einzelpersonen einfach mal mitnehmen zu Veranstaltungen, zum Fußballspielen auf der Wiese, ins Schwimmbad oder Museum.

Bei Fragen und/oder Anregungen stehe ich gerne zur Verfügung.

Martina Riester
Ehrenamtskoordinatorin
E-Mail: m.riester[at]sz-s.de
Telefon Mobil: 0157 58 25 65 83

 

 

 

Vom Geflüchteten zum Helfer für Geflüchtete

Der junge Mann stürmt in mein Büro und füllt innerhalb von Sekunden den ganzen Raum mit seiner Energie. Wir kommen schnell ins Gespräch, in dem wir uns darüber austauschen, was eine positive Ausstrahlung alles bewirken kann. Wir klären ein paar arbeitstechnische Dinge und schon ist er wieder weg. Ich bleibe etwas erstaunt alleine im Büro sitzen, denn ich weiß in Ansätzen, was er in den letzten Jahren hinter sich gebracht hat. Trotzdem hinterlässt mein neuer junge Kollege ein gutes und optimistisches Gefühl bei mir und ich glaube, dass er für seinen Job genau der Richtige ist. Haydarah’s Arbeitsbereich ist die unterstützende Tätigkeit in der Nachbarschaftsarbeit, speziell im Hinblick auf geflüchtete Menschen. Er war selber einer von ihnen und hilft nun bei dem, was ihm selber gelungen ist – der Integration.

Wir treffen uns ein weiteres Mal. Ich möchte es genauer wissen. „Wie ich nach Deutschland gekommen bin? Ganz normal. Wie alle anderen Flüchtlinge mit dem Flugzeug, Bus, Boot, zu Fuß, Zug, etc. … Aber die richtige Herausforderung begann hier in Deutschland, die neue Kultur, Gesellschaft, Sprache, Lebensart … aber mit der Zeit und einiger Mühe wurde alles einfacher.“ sagt er. – Moment. Ich bleibe hartnäckig. So normal kann das nicht gewesen sein bevor das mit der Gesellschaft und Kultur begann. Und dann erzählt er doch von seinem langen Weg hierher. Haydarah ist Syrer und lebte mit seiner Familie in Damaskus. Mit 18 Jahren hätte er zum Militärdienst gemusst und so wurde seine Flucht die einzige Alternative zum Krieg. Die Flucht kostete sehr viel Geld, was zur Folge hatte, dass er sie ohne Begleitung alleine bewältigen musste. Über den Libanon, die Türkei, Griechenland, Makedonien, Serbien, Ungarn und Österreich kam er nach Deutschland, wo er über München nach Berlin kam. Heute sagt er, dass er so eine Flucht nicht noch einmal machen würde. Die meiste Zeit war er auf sich gestellt, erst ab Serbien fand er zwei weitere Männer mit denen er weiterreisen konnte. Die schlimmste Erinnerung hat er an das Boot, dass sie von der Türkei nach Griechenland brachte. Sie mussten stundenlang bewacht darin sitzend aushalten ohne zu wissen, wie es weiter geht.

Ende August 2015 kam er am Ziel an und zum Glück sagten ihm ein paar Leute, wo er die erste Nacht schlafen konnte. Gleich mit dem zweiten Tag begannen seine Erfahrungen mit dem LaGeSo*, das damals wegen der langen Menschenschlangen in aller Munde war. Auch an diesem Tag standen so viele Geflüchtete an, dass er keinen Termin bekommen konnte. Umsonst gewartet und kein Schlafplatz in Sicht. Wieder hatte er Glück und bekam von den Beamten die Adresse vom KiJuNa – Kinder-, Jugend- und Nachbarschaftszentrum im Süden Berlins. Dort kam er mit 14 anderen jungen Männern an, wo sie von Veronika Mampel empfangen wurden. Zwei Nächte konnten sie dort bleiben, dann mussten sie erneut zum LaGeSo. Von den 15 Männern konnten drei in Berlin bleiben und die bekamen Hoteltickets für 50 Tage. So sehr sie auch suchten – kein Hotel nahm sie auf. Sie riefen wieder Veronika Mampel an, die ihnen erlaubte vorerst in einer Einrichtung des Stadtteilzentrum Steglitz e.V. unterzukommen. Auch sie suchte im Folgenden Unterkünfte für die drei jungen Männern, blieb jedoch ebenso erfolglos.

In dieser Zeit standen sie viele Stunden vor dem LaGeSo an. Wenn sie keinen Termin hatten, gingen sie ins KiJuNa um sich die Zeit zu vertreiben. Haydarah erzählt, dass er sich schnell gelangweilt hätte. Im KiJuNa hätte er aber Benni kennengelernt, der dort arbeitete. Mit ihm verstand er sich gut, mit ihm konnte er viel Lachen und fand einen geduldigen Gesprächspartner bei seinen ersten Versuchen sich in Deutsch auszudrücken. Es war ihm von Anfang an klar: Wollte er in diesem Land Fuß fassen, musste er die Sprache so schnell als möglich lernen. Der Kontakt mit Benni brachte ihn zudem auf die Idee Veronika Mampel zu fragen, ob er und seine Mitbewohner nicht ehrenamtlich in KiJuNa helfen könnten. Veronika Mampel leitet die nachbarschaftsübergreifende Arbeit, koordiniert Ehrenamt und Flüchtlingsarbeit des freien sozialen Trägers und hatte so die Möglichkeit eine ehrenamtliche Beschäftigung für die jungen Männer zu finden. Darüber hinaus bekamen die Drei neben der Beschäftigung Kontakt zu Einheimischen und die Möglichkeit ihre Deutschkenntnisse zu erweitern. Parallel besuchten sie Deutschkurse, die im KiJuNa angeboten wurden.

Nach drei/vier Monaten hatte Haydarah es geschafft: Er bekam die Aufenthaltsgenehmigung und damit die Arbeitserlaubnis in Deutschland. Und schließlich gelang V. Mampel, was tatsächlich sehr schwer ist – sie fand eine Wohnung in die Haydarah alleine einziehen konnte. Dieser ganze Prozess war begleitet von Papieren, die ausgefüllt werden mussten. „Vielen Papieren“, sagt Haydarah, und das ist der einzige Punkt in unserem Gespräch, an dem er etwas klagt. Deutschland, deine Formulare. Die Arbeitserlaubnis ermöglichte einen Job als Küchenhilfe und ein Praktikum in einer Unternehmensberatung. Ausbildung war ebenfalls ein gefasster Plan, der sich aber nicht umsetzen ließ. Nach bestandenem B2 Sprachlehrgang hatte er gerade den C1 Lehrgang begonnen, als wieder Veronika Mampel auf ihn zukam und ihm eine Arbeitsstelle im Stadtteilzentrum anbot.

Ich frage ihn, wo er sich selbst in 10 Jahren sieht. Er lacht mich an und sagt, dass es immer anders kommt als man es plant. Das sei eine seiner großen Erfahrungen der letzten Jahre. In Syrien hatte er nach dem Abitur Wirtschaft und Informatik studiert, aber macht heute etwas ganz anderes. Er lässt es auf sich zukommen, würde aber gerne hier in Deutschland bleiben. Als ich ihn frage, woher er seine positive Ausstrahlung hat, antwortet er, dass er das tatsächlich hier erst gelernt hätte. Wenn man drei Monate täglich 12 Stunden warten muss, lernt man Geduld zu haben und gerade in dieser Zeit hätte er sehr viel darüber gelesen, wie man Emotionen und Gefühle in Griff bekommt. Früher sei er viel aggressiver aufgetreten um Stärke zu zeigen. Es hat sich für ihn aber gezeigt, dass er nichts erreicht, wenn er unangenehm oder fordernd auf andere zugeht. Mit einem Lächeln geht es leichter.

Ich habe meinen jungen Kollegen weitere Male im Rahmen der Arbeit getroffen. Dabei hat er immer gelacht und ist auch für jeden Spaß zu haben. Ich gebe mir dabei keine Mühe für ihn verständlich zu sprechen. Er lacht, wenn er etwas falsch ausspricht, lässt aber keine Ruhe, bis er es dann richtig kann. Nicht leicht für jemanden in dessen Muttersprache es kein Ä, Ö oder Ü gibt. Auch manche Buchstaben sind für ihn schwierig, weil sich der Name Benny genauso wie der Laden Penny anhört. Haydarah ist ein sehr gutes Beispiel für jemanden, der flüchten musste und eine gefährliche Reise hinter sich hat, dessen Familie nach wie vor in einem vor Krieg besetzten Land lebt. Der trotzdem hier angekommen ist, sich integriert hat und nun für andere eine große Unterstützung werden kann. Der Zufall hat ihn das Stadtteilzentrum Steglitz e.V. finden lassen, bei dem er nun einen Beitrag zur Integrationsarbeit des Vereins leisten kann. Besser geht Integration kaum.

Anna Schmidt

 *LaGeSo – Landesamt für Gesundheit und Soziales

Integration ist ein fortwährender Prozess

Zum 31. Januar 2017 soll die Kiriat-Bialik-Sporthalle freigezogen werden. Die letzten der ehemals 200 BewohnerInnen können in sehr wohnliche neue Unterkünfte umziehen.

Zum 31. Januar 2017 soll die Kiriat-Bialik-Sporthalle freigezogen werden. Die letzten der ehemals 200 BewohnerInnen können in sehr wohnliche neue Unterkünfte umziehen.

Es ist ruhiger geworden in den Nachrichten, was die Einreise von Geflüchteten betrifft. In diesem Winter mussten keine neuen Turnhallen beschlagnahmt werden, es kamen keine Nachrichten von Menschen, die in der Kälte vor Ämtern warten mussten und es kamen keine Spendenaufrufe, um Geflüchtete zu versorgen. Problem gelöst? Bei weitem nicht. Die Menschen, die in den Wintern 2014 und 2015 zu uns gekommen sind, sind immer noch da und noch immer haben nicht alle die Hallen verlassen. Auch kommen noch viele Menschen, wenn auch nicht in so hohen Zahlen. Trotzdem ist viel geschafft, doch lange nicht genug. Der Teil von ihnen, deren Aufnahmeverfahren weitgehend abgeschlossen sind, kann sich glücklich schätzen, aber auch sie haben erst eine Teilstrecke geschafft. Die nächste Etappe heißt Integration. Das bedeutet ankommen in einem Land in dem alles anders ist als sie es gewohnt sind. Das bedeutet von vorne anfangen und ein Leben aufbauen. Ganz alleine müssen sie das – sofern sie wollen – allerdings nicht tun: Seit Oktober 2016 gibt es das Integrationsbüro Steglitz.

Im März 2016 wurde dem Berliner Senat der Masterplan für Integration und Sicherheit auf Vorlage der Senatorin für Arbeit, Integration und Frauen, Dilek Kolat, vorgestellt. Dieser Masterplan sieht insbesondere acht Schritte für einen erfolgreichen Pfad zur Integration vor: Ankunft, Registrierung und Leistungsgewährung der Geflüchteten, Gesundheitsversorgung, Unterbringung und Wohnraum, Sprach- und Bildungsangebote, Integration in den Arbeitsmarkt, Sicherheit, Integrative und offene Stadtgesellschaft, Aktive Teilhabe der Geflüchteten am gesellschaftlichen und kulturellen Leben. Zur Verwirklichung dieser Schritte wurden aus dem Masterplan Gelder bereitgestellt, die die Einrichtung der Büros für Integration in den Bezirken möglich machten. Das Stadtteilzentrum Steglitz e.V. kam so in die Lage das Integrationsbüro Steglitz im Oktober 2016 zu eröffnen. Zwei neue Kolleginnen, Sabine Schwingeler und Martina Sawaneh, wurden dafür eingestellt und können sich seither unter der Leitung von Veronika Mampel, der Integration neuer Nachbarn widmen.

Veronika Mampel konnte diese Arbeit in gewohnter Routine übernehmen. Hier zahlt sich die Anbindung an den sozialen Träger aus, der seit vielen Jahren im Bezirk sesshaft ist und über ein großes Netzwerk von Kooperationspartnern und Beratungsstellen verfügt. Die Arbeitsbereiche der nachbarschafts- und generationsübergreifenden Arbeit, die Koordination der ehrenamtlichen Arbeit sowie alle Angelegenheiten im Bereich der Flüchtlingsarbeit betreut sie von Anbeginn und sie weiß, was zu tun ist. So bestimmt sie auch für die Arbeit des Integrationsbüros drei vornehmliche Bereiche – Wohnen, Bildung und Arbeit – die für eine gelungene Integration von Menschen mit Migrationshintersgrund wichtig sind. Unter diese drei Bereiche fallen fast alle Dinge, die für Familien oder Einzelpersonen elementar sind, wenn sie bei uns ein neues Leben beginnen wollen oder auch, wenn sie schon länger hier leben, aber an bestimmten Hürden nicht weiter kommen. Darüberhinaus werden auch Kultur- und Freizeitangebote vermittelt sowie Veranstaltungen organisiert. Braucht ein Kind beispielsweise Ausgleich im Freizeitsport, wird ein geeigneter Verein gesucht oder gemeinsame Nachmittage mit gemeinsamen Kochen, Essen, Tanz und Musik laden zu Entspannung und Austausch ein. Integration gelingt jedoch nur, wenn alle Beteiligten eingebunden sind. So steht das Büro auch allen Einheimischen offen, die Angebote in ehrenamtlicher Hinsicht machen möchten oder einfach nur Fragen zum Thema haben. So integriert sich diese Arbeit in die Arbeit des Trägers und seiner Einrichtungen, die Menschen aller Altersgruppen einschließen.

Der Deutschkurs im KiJuNa – Kinder-, Jugend- und Nachbarschaftszentrum

Der Deutschkurs im KiJuNa – Kinder-, Jugend- und Nachbarschaftszentrum

„Wir müssen den Menschen, die zu uns kommen, das Gefühl geben, dass sie bei uns Respekt und Zeit für ihre Person und Anliegen finden,“ sagt Veronika Mampel. „trotzdem verstehen wir uns lediglich als Begleitung und Stärkung. Die Selbstachtung der Hilfesuchenden muss in jedem Fall gewahrt bleiben und es dauert auch seine Zeit bis das Vertrauen aufgebaut ist.“ Sie fügt hinzu, dass umgekehrt auch die Hilfesuchenden sich einbringen und gewisse Regeln befolgen müssen. Dazu gehört es, Termine einzuhalten, gemeinsam getroffene Absprachen zu halten und, wo erforderlich, benötigte Papiere tatsächlich zu beschaffen. Das Integrationsbüro engagiert sich, wo Kenntnisse in deutschen Systemen erforderlich sind, enthebt die Hilfesuchenden jedoch nicht ihres Eigenanteils zum Ziel des Begehrens. Dazu gehört auch Perspektiven aufzuzeigen sowie Zusammenhänge deutlich zu machen. Sprachvermögen, eigene Bildung und die der Kinder, Arbeit und Wohnung … alle Bereiche spielen unmittelbar ineinander und müssen zusammenhängend bearbeitet werden. Geduld wird in allen Bereichen, besonders im Antragswesen, sowohl von den zu integrierenden Menschen wie auch von den Mitarbeitenden des Integrationsbüros, gefordert.

In der Evangelischen Gemeinde bot sich die Möglichkeit für eingesessene und neue Nachbarn gemeinsam über Flucht und Zukunft sprechen

In der Evangelischen Gemeinde bot sich die Möglichkeit für eingesessene und neue Nachbarn gemeinsam über Flucht und Zukunft sprechen

Routine ist ein Begriff, der nicht mit der Arbeit des Integrationsbüros zu vereinen ist. Diese Feststellung haben Sabine Schwingeler und Martina Sawaneh nach vier Monaten Arbeit im Büro gemacht. Natürlich gebe es ein Grundmuster, was die Menschen brauchen und suchen, dennoch ist jeder Fall anders, fordert andere Vorgehensweisen und stützt sich auf andere Grundbedingungen. Auch sie bekräftigen, dass Vertrauen eine sehr wichtige Voraussetzung für gelungene Arbeit ist, da die ersten Erfahrungen mit Ämtern und Büros bei diesen Menschen nicht unbedingt positiv besetzt sind. Erschwerend kommt hinzu, dass Menschen aus anderen Ländern und Kulturen ein völlig anderes Verständnis für Bürokratie mitbringen. Selbst der alteingesessene Bürger bei uns klagt über die teils schwerfällige deutsche Bürokratie, wie geht es da erst einem Menschen, der Bürokratie wie unsere überhaupt nicht kennt. Wird bei uns von Geburt an alles belegt und mit Zeugnissen besiegelt, zählt in anderen Ländern eher die Erzählung und Tat. Will ein Mann beispielsweise Bäcker werden, fängt er bei einem Bäcker, der ihn braucht, an zu arbeiten und wird Bäcker. Bei uns ist niemand Bäcker, der nicht einen Gesellenbrief vorweisen und somit eine Ausbildung nachweisen kann. Wie bringe ich nun einen Bäcker aus einem fremden Land hier in Lohn und Brot? Jedenfalls kaum als Bäcker. Trotz der Hürden konnte schon eine Arbeitsstelle, eine Ausbildung, drei Maßnahmen mit Übernahmegarantie und zwei Wohnungen vermittelt werden. Viele andere Vermittlungen sind in Arbeit. Die persönliche Freude der Menschen über diese Erfolge sind immer wieder Antrieb und Motor.

Zum gemeinschaftlichen Kochen müssen sich die Frauen künftig extra verabreden. Das Gemeinschaftsleben in der Halle geht dem Ende entgegen.

Zum gemeinschaftlichen Kochen müssen sich die Frauen künftig extra verabreden. Das Gemeinschaftsleben in der Halle geht dem Ende entgegen.

Der unterschiedliche kulturelle Hintergrund spielt für die Arbeit des Integrationsbüros zudem eine wichtige Rolle. Sabine Schwingeler und Martina Sawaneh müssen ihrer Klientel deutlich machen, dass es ohne Bürokratie nicht geht und gleichzeitig die Funktions- und Wirkungsweise verständlich machen. Unerlässlich ist dabei der persönliche Kontakt. Natürlich gibt es einen schönen Flyer, der gut erklärt, was jeder im Integrationsbüro zu erwarten hat. Kontakt entsteht jedoch meist durch Empfehlungen. Viele Hilfesuchenden kamen über die Jobbörse für Geflüchtete, die im letzten November im Rathaus Zehlendorf im Rahmen des Interkulturellen Dialogs stattfand. Dort konnten sich die Mitarbeiterinnen bekannt machen und dem Büro ein Gesicht geben. Die Menschen, denen geholfen werden konnte, empfehlen das Büro nun weiter und so stellen sich immer mehr Menschen vor. Hin und wieder kommen auch Menschen aus anderen Bezirken, denen sie nicht weiter helfen können und sie an andere Stellen in ihren Bezirken verweisen müssen. Eine berlinweite Übersicht über Integrationsbüros gibt es derzeit noch nicht.

Beide Frauen geben zu bedenken, dass an Integration bei uns sehr hohe Erwartungen geknüpft sind. Man kann Menschen, die schon einen langen Weg hinter sich gebracht haben, nicht von Heute auf Morgen eine Kulturkappe überstülpen und erwarten, dass alles auf Anhieb klappt. Integration ist der Prozess den Alltag in einem fremden Land zu bewältigen. Dieser Prozess fängt bei der Sprache an und mündet in die aktive Teilhabe an unserem gesellschaftlichen Leben. Integration ist keine Einbahnstraße, die nur von den Geflüchteten und Menschen mit Migrationshintergrund bewältigt werden kann. Diese Menschen müssen auf eine Gesellschaft treffen, die sich öffnet und sie willkommen heißt … hier gibt es keine Etappenziele … Integration ist ein fortwährender Prozess.

Auch das Spielzimmer, der eigentliche Geräteraum der Sporthalle, wird in Kürze seiner ursprünglichen Funktion zurückgegeben.

Auch das Spielzimmer, der eigentliche Geräteraum der Sporthalle, wird in Kürze seiner ursprünglichen Funktion zurückgegeben.

Veronika Mampel fügt insbesondere einen wichtigen Wunsch an: Als besondere Schwierigkeit hat sich die Wohnungssuche für die Menschen ergeben, die hier unbedingt Fuss fassen möchten. Dabei werden Wohnungen für alleinstehende Erwachsene und für teils große Familien gesucht. Manchmal hilft auch ein Zimmer, dass untervermietet werden kann. Das Integrationsbüro ist jedem dankbar, der hier einen entscheidenden Tipp geben kann oder selber geeigneten Wohnraum anbieten kann. Denn dann kann Integration tatsächlich mit neuen und alten Nachbarn stattfinden und so uns alle bereichern!

Anna Schmidt

Veronika Mampel
Leitung des Integrationsbüros
E-Mail: integrationsbuero@sz-s.de

Nachbarschafts- + generationsübergreifende
Arbeit, Koordination Flüchtlingsarbeit + Ehrenamt
E-Mail v.mampel@sz-s.de, Telefon 0173 2 34 46 44
Termine nach Vereinbarung

Kontakt & Terminvereinbarung:

Sabine Schwingeler, Telefon 0172 7 93 36 10
Martina Sawaneh, Telefon 0172 7 93 36 70

Öffnungszeiten
Montag, Mittwoch, Freitag, 10.00 – 16.00 Uhr
Dienstag + Donnerstag, 10.00 – 18.00 Uhr

Integrationsbüro Steglitz
Lankwitzer Straße 13 – 17, Haus G, Tor 3,
12209 Berlin